Dachgarten in Graz

Und oben wächst der Salat

Forschung & Innovation

Von der Lust der Stadtbewohner auf einen Garten bis zum Gemüse auf dem Science Tower – mehr grüne Dächer braucht die Stadt. Jedenfalls, wenn es nach den Klimaexperten geht, denn der kühlende Effekt allein bedeutet für die Städte schon eine reiche Ernte. Doch auch Salate, Gurken und Feigen, wie sie auf dem Science Tower wachsen, sind nicht zu verachten.

Mit „Baummietern“, die aus den Fenstern wachsen, begrünten Fassaden und Dachgärten wollte schon Friedensreich Hundertwasser der Natur ihren Raum zurückgeben. In der letzten Zeit ist das Bewusstsein für Maßnahmen wie jene von Hundertwasser angesichts des Klimawandels gestiegen. Die Folgen der Klimaänderung in Städten sind weitreichend. Mit Dach- und Fassadenbegrünung kann bzw. will man dagegenhalten, da sie das Mikroklima positiv beeinflussen. Die Flächen werden weniger stark aufgeheizt, durch die Verdunstungsleistung der Pflanzen wird die Luft abgekühlt, Staub wird ebenso gebunden wie CO2 und zusätzlich wird Sauerstoff produziert.

Die CO2-Bindung wird völlig überschätzt“

Dann brauchen wir den Autoverkehr doch nicht zu reduzieren, wenn wir dafür ein paar Fassaden begrünen, oder? „Nein“, stellt Stadtklimatologe Dominik Piringer klar: „Die CO2-Bindung wird grundsätzlich völlig überschätzt. Kletterpflanzen sind sehr leicht, weil sie sich ja festhalten müssen. Aber je leichter eine Pflanze ist, umso weniger CO2 kann sie binden. Der wesentliche stadtklimatologische Effekt einer Begrünung ist, dass sie die Stadtumgebung kühlt und Regenwasser speichert. Das sind die wahren Vorteile der Begrünung.“ Der Experte der Stadt Graz sieht die Fassadenbegrünung etwas kritisch: „Das Interesse ist zwar da, doch meist scheitert es an der Umsetzung, wegen der hohen Kosten.“

Eine so genannte „bodengebundene“ Fassadenbegrünung, bei der die Pflanzen aus dem Boden oder aus großen Trögen nach oben wachsen, wäre günstig. Doch ist dies in der Stadt meist nicht umsetzbar. Eine „fassadengebundene“ Begrünung, bei der die Pflanzen in kleinen Gefäßen an der Fassade wachsen, ist derzeit ein sehr kostspieliges Unterfangen. Vom wilden Wein über die Kletterhortensie und den Hopfen bis zur Pfeifenwinde und dem immergrünen Geißblatt gibt es übrigens einige Pflanzen, die für Fassadenbegrünungen ideal sind. Der Efeu hingegen, auch wenn man ihm immer wieder sieht, ist dafür eigentlich ungeeignet, sagt Piringer: „Diese Pflanze wächst vom Licht weg, daher wird sie sich immer jede Ritze suchen und zerstört so die Gebäudesubstanz.“

Nutzbarer Dachgarten liegt im Trend

Wesentlich einfacher umzusetzen als die grüne Fassade ist eine Dachbegrünung. Vorgeschrieben ist eine solche Maßnahme für neue Gebäude mit mehr als 300m2 Dachfläche in der Stadt heute ohnehin. Insgesamt hätten aber 10% der Grazer Dachflächen Begrünungspotenzial, was rund 1,5 Millionen Quadratmeter entspricht“, weiß der Stadtklimatologe. Fläche und Neigung würden bei diesen Flachdächern stimmen. Und die Effekte eines grünen Dachs sind enorm: Ein begrüntes Dach hat die gleiche Temperatur wie die Umgebung, also zum Beispiel 30 Grad Celsius im Sommer. Im Vergleich dazu heizt sich ein Blechdach bei gleichen Bedingungen auf 50-60 Grad auf. Während bei einer extensiven Dachbegrünung das Substrat nur rund 10 Zentimeter hoch aufgebracht wird und man das Dach daher nicht betreten kann, wird die Dachfläche bei einer intensiven Begrünung auch nutzbar gemacht. „Und der Trend geht eindeutig in diese Richtung, da hat in den letzten beiden Jahren ein richtiges Umdenken eingesetzt“, erklärt Piringer. Das Brauquartier in Puntigam ist ein Beispiel für ein großes Wohnprojekt mit nutzbarem Dachgarten in Graz, mit dem Lendpark der GWS folgt ein weiteres. „Der Raum am Boden wird knapp. Ein Projekt mit viel Grün, wie einem Dachgarten, kann natürlich am Markt teurer angeboten werden.“

Recycelter Ziegelsplitt statt Erde

Übrigens: Es ist keine Erde, die man auf die Dachgärten schaufelt. Ganz im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wird meist recycelter Ziegelsplitt aufgebracht. Denn dieses Substrat hält den Boden im Gegensatz zu reiner Erde durchlässig, er verfestigt sich nicht. Außerdem wirkt der Ziegel als Wasserspeicher. Eine nicht unwesentliche Erkenntnis legt der Stadtklimatologe Piringer jenen ans Herz, die meinen, eine Dachbegrünung schade der Bausubstanz: „Das ist ein reines Vorurteil. Eine professionelle, richtig ausgeführte Dachbegrünung ist eine schützende Schicht, die die Lebensdauer eines Daches nicht nur erhöht, sondern sogar verdoppelt.“

Nachhaltige Nahrungsmittel vom Dach

Ein Projekt in einer etwas anderen Größenordnung im Bereich des Nutzbarmachens von Dachflächen ist das „Smart Rooftop Farming“. Der Dachgarten auf dem Science Tower in Graz hat nämlich richtig Geschmack: Rund 1.000 Kilogramm an Salaten, Tomaten, Gurken, Feigen und Gartengewürze konnten bei diesem preisgekrönten Projekt bereits als köstliche Ernte eingefahren werden. Für einen kleinen Kostenbeitrag holen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Zutaten für ihre Jause aus dem Garten. Selbst das Restaurant „Streets“ war teilweise Abnehmer für die Produkte des hochgelegenen Gartens, freut sich Franz Prettenthaler von Joanneum Research über die positiven Rückmeldungen.

„Dächer in der Stadt der Zukunft haben drei wichtige zusätzliche Funktionen: Stadt kühlen, Lebensmittel und Strom produzieren. Der Science Tower ist das erste Gebäude in Österreich, wo eine Symbiose dieser drei Funktionen gezeigt wird. Diese nachhaltige Nahrungsmittelproduktion auf urbanen Dachflächen zu betreiben, ist der integrative Lösungsansatz für Städte zur Anpassung an den Klimawandel: Sie kühlt die Stadt und reduziert gleichzeitig die Emissionen“, skizziert Prettenthaler alle Aspekte des Projektes. Gesammelt wird auf dem Dach des Science Tower auch der Regen. Das Niederschlagswasser erzeugt im Sommer durch Verdunstung die nötige Abkühlung. Im Winter dient es als Wärmespeicher.

Der Dachgarten am Science Tower in Graz sorgt neben Strom auch für frische Lebensmittel

Der Dachgarten am Science Tower in Graz sorgt neben Strom auch für frische Lebensmittel (Credit: Manuela Schwarzl)

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