Servietten - auch diese enthalten Plastik

Plastik – „das Falsche wurde perfektioniert“

Energie & Ressourcen

Der Umwelt-Feind in meinem Alltag? Das materialisierte schlechte Gewissen? Billige Verpackung? Perfekt recyclebar? Plastik ist vieles – nur kein unkompliziertes Thema. Cradle-to-Cradle-Begründer Michael Braungart über die positiven Seiten von Kunststoff und das wahre Problem.

„Plastik sollte nicht dämonisiert werden“, sagt Michael Braungart. Der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker hat gemeinsam mit dem Amerikaner William McDonough das Cradle-to-Cradle-Designkonzept entwickelt und ist Gründer der EPEA Internationale Umweltforschung. Zur aktuellen Plastik-Diskussion sagt Braungart, dass die Perspektive die falsche sei: „Viele schauen nur aufs Plastiksackerl, dabei müsste man viel mehr die giftigen und schädlichen Additive in den Materialien angehen, vor allem bei Produkten wie Schuhsohlen und Autoreifen, die auch noch einen Abrieb produzieren.“ Das Problem sei also weniger das Plastik an sich, das Material habe schließlich seine Berechtigung und seine unbestreitbaren Vorteile, wenn man etwa bedenkt, dass sich jedes Jahr hunderte Kinder durch Glasflaschen verletzen. Hingegen müsse man viel mehr Augenmerk auf die vielen schädlichen Inhaltsstoffe legen. So seien Plastikprodukten, wie etwa einem Joghurtbecher, zahlreiche Chemikalien zugesetzt.

Was hat die Serviette mit Plastik zu tun?

Außerdem müsse man sich all jene Dinge anschauen, die in der aktuellen Plastik-Diskussion überhaupt nicht berücksichtigt werden, so Braungart: „Jeder Kaugummi ist nichts anderes als Plastik. Kreuzfahrtschiffe verlieren täglich unzählige Servietten, die alle Stabilisatoren aus Plastik enthalten und damit ein halbes Jahr im Meer erhalten bleiben. Ebenso verlieren Wanderer auf den Bergen Taschentücher, die aus diesen Gründen auf 2.000 Metern Höhe in der Natur 6 Jahre bestehen bleiben. Das Thema ist so viel größer und das ist die Pest unseres Jahrtausends.“ Selbst Papier trägt zu unserem Plastik-Problem bei, da die Druckfarben Kunststoffe enthalten – und diese damit in Folge selbst im Recyclingpapier zu finden ist.

Kreuzfahrtschiffe, die täglich Servietten verlieren - und damit Plastik

Unzählige Servietten verlieren Kreuzfahrtschiffe täglich und damit Stabilisatoren aus Plastik. Diese bleiben ein halbes Jahr im Meer erhalten.
(Credit: Lunghammer)

Ein gutes Vorbild

Dass es auch anders gehen kann, zeigt gerade Österreich: Braungart nennt das Land als Pionier. „In Österreich hat man als erstes erkannt, dass PVC ein echtes Problem ist.“ Und hier gibt es einige Vorzeigeprojekte. Mit der Firma Sattler hat der deutsche Forscher beispielsweise LKW-Planen ohne PVC umgesetzt. Ein weiteres heimisches Unternehmen, das Michael Braungart als positives Beispiel nennt, ist Wolford. Entsprechend des Cradle-to-Cradle-Prinzips arbeitet Wolford an der Entwicklung eines vollkommen neuen Produktes, bei dem ein Lingerie-Set oder Strümpfe am Ende ihres Kreislaufs in Nährstoffe für unseren Planeten verwandelt werden können – ohne jemals Abfall zu produzieren. Die zertifizierten Produkte stehen aktuell vor der Markteinführung.

Pfandsystem für bessere Kreisläufe

Neben diesen Beispielen, bei denen Unternehmen zeigen, wie es anders gehen kann, setzt Michael Braungart selbst in seiner Forschungsarbeit vor allem bei jenen Produkten an, die verschleißen und dadurch ihre schädlichen Inhaltsstoffe abgeben: „Wir arbeiten an biologisch abbaubaren Reifen, Schuhsohlen oder Bremsbelägen.“ Ein weiterer Lösungsansatz liegt für den Experten im Pfandsystem: „Hätte jeder eine Pfandkarte, mit der er 150 Produkte mit je 20 Cent Verpackungspfand einkaufen kann, könnte man Verpackungen aus einem Monomaterial wie PET machen, denn da haben wir einen funktionierenden Recyclingkreislauf.“ Das größte Problem ist die Vermischung unterschiedlicher Materialien: Plastik als Bindemittel in Taschentüchern oder Papier, Beschichtungen auf Metall-Dosen etc.

Servietten - auch diese enthalten Plastik

Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet: Plastik befindet sich auch in Servietten.
(Credit: Lunghammer)

Stellt man alle Verpackungen aus PET her, hätte man ein Monomaterial, das man wiederverwenden könnte – und das bis zu 7 Mal, bevor es dann biologisch abgebaut werden könne. Die Voraussetzungen sind schließlich gut: Das Recyclingbewusstsein in Österreich und die Bereitschaft zur getrennten Müllsammlung sind konstant hoch, wie die aktuellen Zahlen der ARA zeigen. Die Sammelmenge an Leichtverpackungen (überwiegend Kunststoffverpackungen) stieg im ersten Halbjahr 2018 um 1,3 Prozent auf rund 88.000 Tonnen.

Mit einem Monomaterial würde sich das Recycling in noch viel höherem Maße lohnen, da das Ergebnis nicht mehr minderwertig wäre, sondern sogar höherwertiger sein könnte als das Ausgangsprodukt. „Das ist echtes Recycling und kein Downcycling, wie Verpackungen zu Parkbänken zu pressen oder so ein Dreck“, macht Braungart seinem Ärger Luft: „Für mich ist es Kindesmissbrauch, wenn LKW-Planen mit Weichmachern unter dem Deckmantel des Umweltschutzes zu Schultaschen verarbeitet werden.“ Und die Beispiele, die der Forscher nennt, machen betroffen: Im „Spielzeug“ aus Fast-Food-Restaurants fand er 600 giftige Chemikalien, in jenem aus Überraschungseiern Blei.

Inhaltsstoffe positiv definieren

Die Ursache für den „Plastik-Wahnsinn“, der uns jetzt Probleme beschert, liegt laut Braungart bei den Unternehmen: „Es wurden die falschen Dinge perfekt gemacht. Wir haben Verpackungen auf Gewicht und Kosten hin perfektioniert und nicht auf die Recyclingfähigkeit. Und ich sage: Es ist euer Problem, lieber Handel. Lasst euch etwas einfallen, denn warum soll die Allgemeinheit für euren Gewinn herhalten.“ So würde auf Bremsbelägen heute „Frei von Asbest“ stehen: „Das heißt, im Moment ist es so: Wir rennen hinterher und verbieten. Dabei müssen wir den umgekehrten Weg gehen. Wir müssen Monomere verwenden und positive Inhaltsstoffe für Plastik definieren. Wenn ich Sie zum Essen einlade, sage ich ja auch, was drinnen ist und nicht, was nicht drinnen ist.“

Plastik nicht verteufeln

Und wie geht der Vorreiter selbst im Alltag mit dem Thema Plastik um? „Ich bevorzuge Getränke in Glasflaschen und versuche Einwegplastik zu vermeiden, aber natürlich brauche ich Produkte wie Schuhsohlen und Autoreifen.“ Die Hoffnungen für die Zukunft liegen laut ihm bei der jungen Generation, die Materialien für Kreisläufe entwickeln müssten. „Junge Wissenschaftler könnten sich mit Plastik beschäftigen, was sie aber nicht tun, da Plastik verteufelt wird und das ist schade. Da vergeben wir eine Chance.“

Nicht Plastik an sich, sondern die schädlichen Inhaltsstoffe seien das Problem, ist Cradle-to-Cradle-Begründer Michael Braungart überzeugt. Im „Spielzeug“ aus Fast-Food-Restaurants fand er 600 giftige Chemikalien, in jenem aus Überraschungseiern Blei.