Zittelhaus am Sonnblick, Schnee und Sonnenschein

Hoch oben und tief unten

Leben & Gesellschaft

Handarbeit ist bei der Kläranlage am Sonnblick ebenso gefragt wie in der Bioabfallsortierung in der Steiermark. Dinge, die man lieber nicht wissen will? Oder gilt bei diesen Storys eher: „Ekel sells“?

3.106 Meter Seehöhe, die höchste Gipfelhütte des österreichischen Alpenvereins: das Zittelhaus am Sonnblick. An schönen Sommertagen tummeln sich dort mehrere hundert Bergsteiger. Der direkte Nachbar der Hütte ist die Wetterwarte Sonnblick Observatorium – „wir teilen uns sogar die Haustür“, erzählt Gerlinde Eidenhammer vom ÖAV Rauris, die als Vorsitzende mit ihrem Team das Zittelhaus betreut. „Alles ehrenamtlich, da bin ich wirklich stolz auf alle Funktionäre.“

Zittelhaus am Sonnblick, Schnee und Sonnenschein

Ein wunderschöner Anblick, das Zittelhaus am Sonnblick. Dass die Kläranlage hier oben allerdings hie und da für ganz und gar nicht schöne Anblicke sorgt, bleibt dabei oft verborgen.
(c) ÖAV Rauris/Scheer

Fehlstoffe händisch aussortieren

Zur ehrenamtlichen Arbeit gehört auch, die Jausenreste und sonstigen Abfall aus dem Vakuum-WC herauszufischen, denn sobald ein Fehlstoff hineinkommt, steht die ganze Kläranlage. 250.000 Euro hat der Alpenverein in die neue Kläranlage investiert. „Vorher hatten wir eine offene Tropfkörperanlage, das hat aber wegen der starken Geruchsbelästigung hinten und vorne nicht funktioniert. Die Bakterien arbeiten auf über 3.000 Meter bei weitem nicht so wie im Tal.“ Seit 2012 steht am Sonnblick nun die neue Anlage, die zwar gut funktioniert, aber auch viel Arbeit verursacht. „Jeden Tag muss hier gewartet und geprüft werden, ob alles funktioniert. Der Raum muss ständig eine Temperatur von 15 Grad aufweisen.“ Es handelt sich um ein geschlossenes System: Vom WC werden Fäkalien und Urin mit einer Hebebühne in eigene Behälter transportiert. Alle 2 Monate müssen die Feststoffe abgelassen werden, die dann in Tonnen mit der Materialseilbahn zur Kläranlage ins Tal kommen. „Die Abwässer werden gefiltert und als Spülwasser zurückgewonnen“, beschreibt Eidenhammer das geschlossene System. „Es stimmt schon, dass getrübtes Spülwasser herauskommt. Für die WC-Spülung ist die Qualität aber mehr als ausreichend und ich kann nicht ganz verstehen, wenn sich Gäste darüber aufregen. Ein bisschen mehr Hausverstand würde hie und da nicht schaden. Am Berg kommt das Wasser nicht einfach aus der Leitung.“

Plumpsklo am Weinberg

Damit die Umwelt malerisch schön bleibt, sollte nur das ins WC, das auch wirklich reingehört.
(Credit: Doppelpunkt)

Weniger Fett wäre nett

Szenenwechsel auf 326 Meter Seehöhe zur Kläranlage Graz in Gössendorf, die das Abwasser aus dem Großraum Graz, also rund 320.000 Einwohnern, reinigt. „Ein eigener Geruch herrscht naturgemäß auch in dieser Kläranlage“, erklärt Abteilungsleiter Edmund Tschaußnig, „aber so lange das Wasser in Bewegung ist, ist das eigentlich halb so schlimm. Wasser stinkt erst dann, wenn es steht und fault und bei uns fließt es eigentlich immer.“ Die Arbeit in der Kläranlage ist hochtechnologisiert. „Unsere Mitarbeiter sind alle zum Klärfacharbeiter ausgebildet, wir haben viele Elektriker und Installateure. Man kann sich getrost von der Vorstellung verabschieden, dass da jemand händisch in der Kläranlage herumrührt.“ Im Prinzip handelt es sich bei der Kläranlage um eine Hightech-Anlage, die sauberes Abwasser produziert, das in die Mur abfließt. Sind Fehlwürfe in solch einer großen Anlage eigentlich noch Thema? „Da hat sich sehr viel verbessert in den letzten Jahren. Frittier-Fett, vor allem aus Privathaushalten, haben wir aber leider noch zur Genüge und auch Bioabfall tummelt sich laufend zwischen den Fäkalien.“

Werner Brunner

Werner Brunner, Naturgut
(c) KK

Händische Bioabfallsortierung

Der Bioabfall sollte sich eigentlich ganz wo anders „tummeln“. Zum Beispiel beim Kompostierunternehmen Naturgut in St. Margarethen bei Knittelfeld, das die biogenen Abfälle von rund 140.000 Haushalten verarbeitet und damit zu den größten Kompostierern der Steiermark zählt. In Gesellschaft von „Konsorten“, die ihren Platz eigentlich anderswo hätten, ist der Abfall aber auch hier. Und laut Prokurist Werner Brunner hat sich das in den letzten Jahren eher zum Negativen verändert: „Die Anzahl der Fehlwürfe ist in den letzten 10 Jahren sicher gestiegen, vor allem in Form von Gemüse-Plastiksackerln.“ Das Unternehmen Naturgut lädt Schulklassen zu sich ein, um das Bewusstsein zu schärfen und unterstützt auch mediale Kampagnen. Aussortiert werden die Fehlwürfe bei Naturgut sowohl händisch als auch mit hohem technischem Aufwand mittels Windsichtung, Magnetabscheidung und Schwerstofftrennung. „Wir achten sehr auf die saubere Trennung der Stoffe.“ Die Bioabfallsortierung ist eine Arbeit, die man sich als Außenstehender nicht sehr fein vorstellt. Brunner sieht das anders: „Der für die Kompostierung typische Geruch auf der Anlage wird von uns nicht als unangenehm empfunden.“ Er gibt aber zu: „Wahrscheinlich kommt die Gewöhnung dazu.“

Echte Handarbeit und eine feine Nase

Das bestätigt auch Petra Gschweitl von Apfelland Bioerde, einem Unternehmen bei Gleisdorf, das aus rund 3.000 Tonnen Bioabfall jährlich Erde für den Bio-Landbau herstellt. Sie sieht sogar etwas Positives daran: „Wenn man länger in der Kompostierung arbeitet, verbessert sich der Geruchssinn immens. Ich kann die Qualität eines Komposts riechen.“ (Mehr dazu bzw. zur Verarbeitung im Artikel In 4 Schritten vom Biomüll zur Komposterde). Von Fehlwürfen kann auch Gschweitl ein Lied singen – am häufigsten Plastiksackerl, Verpackungen und Glas. „Letzteres ist besonders schlimm, weil das in tausend Splitter zerspringt.“ Laut den gesetzlichen Vorschriften darf der Bioabfall mit bis zu 3 Prozent Fehlstoffen kompostiert werden, „wir nehmen das bei uns aber viel strenger, weil wir uns auf Qualitätskompost spezialisiert haben“.

Fehlwürfe erschweren Bioabfallsortierung

Die Liste der Kuriositäten im Bioabfall, von denen Gschweitl berichtet, ist lang: vom Gebiss über den Autoscheinwerfer und den Reisepass bis hin zur im Maisstärkesackerl verpackten Kaffeemaschine. Nicht nur die Maschine, auch die Maisstärkesackerln sollten nicht in den Bioabfall. „Die Verrottung dauert bis zu einem halben Jahr. Wir sortieren sie daher aus, weil der Frischkompost nach 8 bis 12 Wochen fertig ist.“ Rund 130 Tonnen an Störstoffen haben Gschweitl und ihre Mitarbeiter im letzten Jahr händisch aussortiert, wobei der Anteil der Störstoffe im Jahresverlauf stark variiert. „Im Winter sind es mehr als doppelt so viele, das liegt wohl daran, dass bei kühlen Temperaturen die Motivation, nach dem Biomüllcontainer auch noch den Plastik- oder Restmüllcontainer aufzusuchen, geringer ist“, vermutet die Kompostiererin. „Und im Sommer hat man mehr Gartenabfälle, dadurch reduziert sich der Fehlstoff-Anteil.“ Ob es sich um Männer- oder Frauenabfall handelt, könne man ebenso herauslesen. „Je nachdem, ob Kosmetika oder kurze Barthaare und Etiketten von Designer-Jeans drinnen sind.“

Hier einige Beispiele von Fehlwürfen, die definitiv nicht in den Bioabfall gehören und zu einer sehr aufwändigen Bioabfallsortierung führen (Fotocredit: Gschweitl):

Auch wenn die oben erwähnten Analysen durchaus interessant klingen, ist und bleibt das Aussortieren eine aufwändige Arbeit, die man vermeiden könnte. Gschweitl appelliert, sich der Dimension des eigenen Handelns stärker bewusst zu werden. „Man denkt sich vielleicht, wenn ich eine Bierkapsel reinwerfe, ist das nur eine Kleinigkeit. Wenn sich das aber jeder denkt, sind das tausende Bierkapseln.“ Außerdem zahlt der Konsument auch finanziell drauf: Das aufwändige Aussortieren muss sich im Preis der Biotonnen-Entsorgung sowie des Komposts widerspiegeln. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ mag zwar kurzzeitig beim Fehlwurf gelten, auf lange Sicht gesehen, macht sich der Fehlwurf aber wieder in der eigenen Geldbörse bemerkbar.

Zum Kläranlagen-System:
In den letzten 40 Jahren wurden in der Steiermark

  • rund 18.000 Kilometer Kanal und
  • etwa 10.000 Kilometer Hausanschlussleitungen sowie
  • knapp 640 Kläranlagen (> 50 EW)
  • mit einer Investitionssumme

von etwa 4 Milliarden Euro errichtet.

In der Steiermark entstehen 12 Millionen Mehrkosten pro Jahr durch Fehlwürfe im Kanal. Mehr dazu auf www.denkklobal-stmk.at.

Zur Kompostierung:
In 4 Schritten vom Biomüll zur Komposterde: Petra Gschweitl von Apfelland Bioerde über die richtige Temperatur, die richtige Mischung und den tückischen „süßen Geschmack“ der (künftigen) Komposterde.

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