Thomas Weber, Daniela Müller-Mezin, Andreas Hollinger

Alles Wissen ist online

Wirtschaft & Standort

… aber macht uns das nachhaltiger? Information ist heute auf Knopfdruck vorhanden, soziale Medien gewinnen zunehmend an Bedeutung. Dass die Information verfügbar ist, heißt aber noch lange nicht, dass sie auch das Verhalten verändert – zum Beispiel in Bezug auf den ökologischen Fußabdruck. Oder doch? Für ROHSTOFF haben Vertreter des Nationalparks Gesäuse, des Nachhaltigkeitsmagazins Biorama und aus dem Ressourcenmanagement darüber diskutiert.

136.000 Fotos werden jede Minute auf Facebook gepostet – immer mehr davon von Unternehmen. Filter & Co. machen es einfach, aus einem mittelmäßigen Bild einen Hingucker zu machen und damit mehr „Gefällt mir“ zu generieren. Aber wie real ist dieses Bild dann noch?

Andreas Hollinger: Wir posten täglich Naturaufnahmen – aber ganz bewusst solche, die vielleicht nicht jedem gefallen, sondern ein reales Bild verkörpern. Die meisten „Gefällt mir“ würden wir für idyllische Almaufnahmen mit friedlich grasenden Kühen bekommen. Ein Nationalpark bedeutet aber de facto Wildnis, Totholz am Boden und keine Bewirtschaftung. Das gefällt nicht jedem, das ist uns bewusst.

Thomas Weber: Es braucht einen guten Mittelweg. Ganz ohne Populismus würden wir in Schönheit sterben. Ich kann für Biorama den besten Artikel schreiben – wenn ihn kaum jemand liest, bringt das nichts. Ich muss mir eine ansprechende Form und einen guten Titel überlegen. Und auch, wie ich damit über soziale Medien Leute außerhalb meiner Stammleserschaft erreiche.

Nachhaltigkeit ist schwer zu definieren

 

Egal ob es um erneuerbare Energien geht, Abfallverwertung oder die Frage „Bio oder regional?“: Je nachdem, welcher Quelle man glaubt, wird das Thema in einem guten oder weniger guten Licht dargestellt. Woher soll man wissen, was nun wirklich nachhaltig ist?

Daniela Müller-Mezin: Es gibt natürlich komplexe Themen, wo man als Laie schwer durchblickt. Es gibt aber auch viele Fälle, wo die richtige Antwort eigentlich der gesunde Menschenverstand nahelegt: dass es nachhaltiger ist, die konventionelle Zucchini vom benachbarten Bauern zu kaufen als eine in Nährlösung gezogene Bio-Zucchini, versteht sich für mich von selbst.

Weber: Es braucht seriöse Medien, die komplexe Inhalte verständlich aufbereiten. Wir bei Biorama reden dazu mit Experten aus verschiedenen Disziplinen, um dabei möglichst objektiv zu sein – nach ganz altmodischen journalistischen Kriterien. Was das Thema Bio angeht: Für mich sticht Bio die Regionalität immer, weil es für Bio klar definierte Regeln gibt und für Regionalität nicht. Wenn der Kohlrabi zwar im eigenen Land angebaut wird, aber das Saatgut aus Amerika kommt, die Setzlinge aus Holland, der Torf aus Aserbaidschan und der Erntehelfer aus Bulgarien, dann ist das für mich nicht wirklich regional. Man muss das Ganze deutlich nüchterner sehen, die Menschen haben da viel zu romantische Bilder.

Ein Bild, das über die Medien noch verstärkt wird …

Hollinger: Das stimmt sicher zum Teil. Ich will aber trotzdem eine Lanze für das Regionale und die Romantik brechen. Wenn ich den Imker persönlich kenne und weiß, wie sauber der nach alten Traditionen arbeitet, dann hat der mein vollstes Vertrauen.

Weber: Natürlich ist es etwas Anderes, wenn ich den Produzenten persönlich kenne. Aber das ist für den Großteil der Menschen einfach nicht möglich. Sie sind auf Informationen auf der Verpackung oder über Medien angewiesen.

(Online-)Wissen verständlich machen

 

Informationen, die möglichst plakativ sein sollten …

Müller-Mezin: Ja, dann sind die Menschen auch empfänglich dafür. Wir arbeiten im Ressourcenmanagement immer wieder mit Beispielen: aus Kupferschrott wird Kleingeld, aus altem Kabelsalat Bauteile für neue Computer, aus dem Joghurtbecher der
Stöckel eines High Heels. Und wir machen auch die Konsequenzen des falschen Handelns bewusst: Wenn man nur eine einzige Batterie falsch entsorgt – zum Beispiel im Restmüll –, kann diese einen Kurzschluss auslösen und damit einen Brand in der Recyclinganlage.

Dass das Handeln des Einzelnen große Konsequenzen hat, macht auch der Ökologische Fußabdruck im Nationalpark Gesäuse greifbar …

Hollinger: Ja, wir wollten damit ein sehr theoretisches Thema begreifbar machen und das Ganze wird auch gut angenommen. Die Fußfläche unseres begehbaren ökologischen Fußabdrucks ist als Labyrinth gestaltet und der Weg orientiert sich an den eigenen Entscheidungen: Will ich beispielsweise mit dem Auto zu einer Konferenz nach Deutschland fahren, obwohl es auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln problemlos möglich wäre? Dann erreiche ich relativ schnell die Sackgasse. Man kann dann seinen persönlichen CO2-Verbrauch auch auf Waagschalen legen: Wenn ich das Gewicht für eine Weltreise und 2 Autos hineinlege, ist die Waage schon im Ungleichgewicht – ich habe eigentlich deutlich mehr verbraucht, als mir zur Verfügung steht.

Wissen vs. Handeln

 

Egal ob online oder offline: Es ist heute sehr einfach, sich Wissen anzueignen. Entscheidend ist aber, ob dieses Wissen dann auch tatsächlich das Verhalten verändert – speziell in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Wie seht ihr das?

Weber: So pauschal lässt sich das schwer beantworten. Wir haben unlängst eine Leserbefragung gemacht, die sehr gut die Ambivalenz zeigt. Unsere Leser sind alle sehr outdoor- und ökoaffin, lieben Kultur und wollen mit gutem Gewissen genießen. Stichwort: Nachhaltigkeit. Aber gleichzeitig interessieren sie sich besonders für Fernreisen – was irgendwie ja ein Widerspruch in sich ist. Plakativ ausgedrückt könnte man sagen: Je altmodischer, vielleicht sogar uncooler man ist, desto nachhaltiger wäre man.

Hollinger: Das mit der Ambivalenz stimmt sicher. Zu uns kommen ja in erster Linie naturverbundene Menschen. Bergsteigen klingt ja sehr umweltfreundlich und nachhaltig. Wenn man aber daran denkt, wie lange man mit dem Auto gefahren ist, um ein paar Seillängen zu klettern, sieht das schon wieder anders aus …

Müller-Mezin: Das Bewusstsein für Abfalltrennung ist in der Steiermark über Jahre gewachsen und die Trennung wird auch gut umgesetzt. Das Ende der Fahnenstange haben wir aber noch lange nicht erreicht. Es braucht natürlich faire Rahmenbedingungen, auch auf europaweiter Ebene. Die Frage ist dann aber dennoch: Wieviel ist der Einzelne bereit, dazu beizutragen? Auch in einer vernetzten und digitalen Welt funktioniert Nachhaltigkeit nicht auf Knopfdruck.

Am Runden Tisch:

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